Rede zur Jugendweihe im UCI Potsdam am 22. Mai 2010

Liebe Mädchen und Jungen, liebe Eltern, liebe Großeltern, liebe andere Verwandte und Gäste der heutigen Jugendweihefeier,

ich freue mich, dass ich heute die Festansprache zu Jugendweihe halten darf. Mein Name ist Anita Tack, ich bin Ministerin für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz und Mitglied der Fraktion DIE LINKE im Brandenburger Landtag.  

An einem solchen Tag wie heute ist ja immer die erste Frage: Was darf, was soll die Rednerin sagen, damit es Euch und Ihnen allen gerecht wird? Den 14- und 15jährigen ebenso wie den 40- und 60- und 80jährigen? Ich schlage vor: Einigen wir uns darauf: Es geht heute ganz und gar um Euch, die 14- und 15jährigen.

Aber wenn ich das sage, dann wisst Ihr, liebe Jugendliche natürlich auch, dass Ihr ja nicht in einer abgeschlossenen Welt lebt, zu der die Älteren keinen Zutritt haben.  Obgleich: Manchmal schon, nicht wahr? Manchmal braucht Ihr eine solche Welt, in die Ihr Euch einschließt gegen die Älteren. Braucht Ihr ein paar Stunden, in denen Ihr ganz für Euch sein wollt, weil Euch nervt, was die Alten zu sagen haben.

Weil es Euch altmodisch vorkommt. Weil sie nicht klarkommen mit Eurem neuen iPod und den neuesten Computerspielen und damit, was angesagt ist in Sachen Klamotten im Frühjahr 2010. Weil sie Eure Liebe nicht verstehen. Weil sie überhaupt so eine andere Sprache sprechen. Und wo sie überhaupt herkommen, die Älteren!

Von ganz anderen Zeiten erzählen sie. „So etwas hat es früher nicht gegeben“, sagen sie,  und wenn sie das sagen, dann könnt Ihr damit wenig anfangen. Wie Ihr auch mit solchen Wörtern wie DDR und Sozialismus nur wenig anfangen könnt, und wenn Euch einer erzählt, wie das war mit dem Streit zwischen den beiden deutschen Staaten, die es da gab vierzig Jahre lang, dann klingt es in Euren Ohren wie eine Geschichte aus ganz, ganz weit vergangener Zeit. Denn als Ihr geboren wurdet, waren die beiden Staaten schon seit fünf Jahren zu einem einzigen vereinigt.

Aber wenn Ihr dann so eine Weile ganz für Euch gewesen seid und die Älteren raus gehalten habt aus Eurer Welt, dann, so denke ich, kommt auch wieder der Moment, wo Ihr die Türen wieder öffnet. Wo Ihr neugierig seid auf das, was Euch Eure Eltern und Eure Lehrerinnen und Lehrer, Eure Tanten und Onkel, Eure Großmütter und Großväter zu sagen haben.

Und das wünsche ich Euch: Dass es in Eurem Leben viele solche Momente gibt, in denen Ihr diese Neugier habt. Nicht, dass Ihr Eure Erfahrungen nicht selbst machen müsst.
Natürlich müsst Ihr das. Das war schon immer so. Die eigenen Erfahrungen sind es, die uns wachsen lassen. Im eigenen Tun merken wir, wer wir sind, was wir wollen. Im eigenen Tun merken wir, mit wem wir gut zusammen passen und mit wem nicht.

Hier wachsen Freundschaften, hier hat die erste Liebe ihren Platz. Und hier lernen wir auch, was es mit Feindschaften auf sich hat. Und mit Missverständnissen. Und was es heißt, Kompromisse einzugehen, gemeinsame Wege zu finden, Gegnerschaften zu mildern, damit sie uns nicht zerstören, und Freundschaften zu stärken, damit sie uns besser machen.

Aber zu den eigenen Erfahrungen gehören eben immer auch die Erfahrungen derer, die uns ganz besonders nahe und wichtig sind. Die Erfahrungen der Älteren eben. Und es gibt – das sagt mir meine eigene Erfahrung – kaum etwas Schöneres als das Gespräch zwischen den Generationen. Wenn Eure Großeltern mit Euch reden, dann lebt in ihnen die Erfahrung von sechs, sieben Lebensjahrzehnten. Von persönlicher Veränderung – und von den Veränderungen in der Gesellschaft. Und aus den Eltern sprechen vier, fünf Jahrzehnte. Fragt, seid neugierig, habt keine Angst, auch hartnäckig nachzubohren.

Und da ich nun heute den Vorzug habe, von hier vorn ein paar Ratschläge geben zu dürfen, so möchte ich ein Wort in den Mittelpunkt meiner Überlegungen stellen: das Wort Solidarität. Solidarität, das heißt: Mitgefühl. Das heißt: Verständnis. Das heißt: immer den Blick auch für den anderen zu haben.

Jeder Mensch ist einzig, und er ist in dieser Einzigkeit zugleich ein gesellschaftliches Wesen. Er kann ohne die Gesellschaft nicht sein, und die Gesellschaft nicht ohne ihn. Also sind wir aufgefordert, alles zu tun, damit diese Gesellschaft die friedvolle Gesellschaft der vielen, vielen Einzigen sein kann.

Einige von Euch kommen aus dem Immanuel-Kant-Gymnasium. Von Kant stammt der kategorische Imperativ, der mich, als ich in Eurem Alter war, sehr beeindruckt hat und mir immer wichtig geblieben ist: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.“  Ich wünsche Euch von Herzen, dass auch Euch dieser Satz wichtig werden möge. Ihn zu befolgen, ist eine gewaltige Kraftanstrengung, die nicht immer gelingt. Aber wenn sie nicht gelingt, dann prüft, warum das so ist.

Und habt einen wachen Blick auf Vorgänge und Umstände in Eurem Leben, wo dieser Grundsatz offensichtlich in den Wind geschlagen wird. Ein anderer Teil von Euch kommt aus der Friedrich-Wilhelm-von-Steuben-Schule. Steuben wird in den USA als Revolutionär verehrt. Als Vorbild aus einer Zeit, da die Demokratie in den USA ihre allerersten Schritte ging. Habt den Mut, zu fragen, welche Kraft es braucht, die Demokratie als eine lebendige Gesellschaftsform zu pflegen.

Und dann sind da diejenigen unter Euch, die aus dem Sally-Bein-Gymnasium in Beelitz kommen. Wie gut, dass eine Beelitzer Schule den Namen dieses Beelitzer Bürgers trägt. Sally Bein, ein Mann jüdischer Abstammung, der als Volksschul- und Taubstummenlehrer in Beelitz die israelitische Erziehungsanstalt für geistig und körperlich Behinderte leitete und, der mit seinen Schülerinnen und Schülern und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Jahr 1942 von seinen eigenen deutschen Landsleuten der Vernichtung im Konzentrationslager preisgegeben wurde.

Ich bitte Euch: Fragt nach dieser Zeit. Fragt, wie es kommen konnte, dass Solidarität und Mitmenschlichkeit nicht nur zu Fremdwörtern, sondern zu Straftatbeständen wurden. Und fragt, was notwendig ist, damit es niemals mehr wieder so wird.

Ihr wachst hinein in eine Welt, in der Euch die Türen in andere Länder, zu anderen Kontinenten weit offen stehen. Es ist eine Welt, in der ihr ohne große Mühe Menschen anderer Hautfarbe, anderer Traditionen, anderer Lebensformen kennen lernen könnt.
Nutzt diese Chance. Fühlt Euch ein in die Gleichheit aller Menschen. Erlebt es. Lernt Sprachen, damit es gelingt. Und verliert, wenn Ihr durch die Welt geht, nicht den Blick für Eure Nachbarn hier zu Hause.

Wo Reichtum ist, ist immer auch Armut. Das eine entsteht aus dem anderen. Denkt darüber nach, wer Eure Hilfe und Solidarität braucht. Auf Armut ist keine glückliche Gesellschaft zu bauen. Und auf Unterdrückung und  Diskriminierung auch nicht. Ich empfehle Euch: Lest. Lest unbedingt viele Bücher. Nehmt Euch Zeit dafür. Übt Euer Gehirn dabei, und übt Eure Gefühle. Auch wenn Ihr denkt, Bücher seien etwas Altmodisches, dann – probiert’s trotzdem mal, denn es macht klüger.

Liebe ist auch etwas Altmodisches. Das heißt: Es gibt sie schon immer. Und niemand will darauf verzichten – auch wenn es sie schon immer gibt. Liebe Mädchen und Jungen, Genießt diesen Tag. Euren Tag. Lasst Euch feiern. Und habt einen liebevollen Blick für Eure Eltern und Großeltern, für Eure Tanten und Onkel, die glücklich sind, Euch bei dieser Jugendweihe zu erleben.

Habt einen liebevollen Blick auch für Eure älteren und jüngeren Geschwister. Und einen fröhlichen und dankbaren für Eure Lehrerinnen und Lehrer.

Möge dieser Tag ein glücklicher und fröhlicher für Euch und Sie alle sein.

Vielen Dank