17. April 2011
Zum 66. Jahrestag der Befreiung des KZ Ravensbrück

Sehr geehrte Überlebende und Zeitzeugen des Konzentrationslagers Ravensbrück, meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

 

vor 66 Jahren, am 30. April 1945, fand das unsägliche, unbeschreibliche Grauen von Ravensbrück ein Ende. Die heranrückende Sowjetarmee befreite die rund 2000 noch im Lager verbliebenen Häftlinge. 

Über 20 000 ihrer Leidensgenossinnen und Leidensgenossen waren zuvor von der SS-Soldateska auf Todesmärsche in Richtung Nordwesten getrieben worden. Viele von ihnen überlebten diese Strapazen nicht, starben auf den Wegen und in den Wäldern, folgten noch in den letzten Kriegstagen jenen Zehntausenden, die seit 1939 im KZ Ravensbrück und seinen vierzig Außenlagern ermordet worden waren oder an Hunger und Krankheiten und in der Folge bestialischer medizinischer Experimente starben. 

Ihnen allen, die Sie sich heute hier zu ehrendem Gedenken versammelt haben, sind diese Zahlen längst bekannt, und sie machen dennoch immer wieder schaudern. 132.000 Frauen und Kinder sind von den Nazis nach Ravensbrück, in dieses größte Frauen-KZ auf deutschem Boden, verbracht worden, dazu 20.000 Männer und 1000 weibliche Jugendliche. 

Und Ravensbrück war doch „nur“ – wie unerträglich es klingt, dieses „nur“, aber es ist ja die Wahrheit! – ein Konzentrationslager unter vielen anderen. Buchenwald, Sachsenhausen, Mauthausen, Flossenbürg, Bergen-Belsen, Oradour, Theresienstadt – so lang und viel länger ist diese Liste. Und Auschwitz schließt sie ein.

Es ist mir, hochverehrte Überlebende, meine Damen und Herren, eine große Ehre, hier heute namens der brandenburgischen Landesregierung vor Ihnen sprechen zu dürfen.

Ich bin in der DDR groß geworden. Dresden ist der Ort meiner Kindheit, Weimar der meines Studiums. Die Würdigung des antifaschistischen Widerstandes und das Gedenken an die Opfer des faschistischen Terrors haben meine Schul- und meine Studienzeit mit großer Selbstverständlichkeit geprägt. Besuche der Gedenkstätten Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück gehören zu meinen unauslöschlichen Jugenderinnerungen. Gespräche mit Überlebenden, die uns das Unfassbare begreiflich zu machen versuchten, sind mir unvergesslich geblieben. Wie wichtig das gewesen ist: dass wir, die Kinder und Jugendlichen, fünfzehn, zwanzig Jahre nach der Befreiung vom Faschismus an authentischen Orten diesen Geschichtsunterricht erhielten!

Es ist die Art des Gedenkens, wie ich es in der DDR erlebt habe, seit 1990 oft und heftig diskutiert worden. Ich habe auch dabei viel gelernt. Sichten auf die Vergangenheit ändern sich. Aber ich werde das in meiner Kindheit und Jugend Erfahrene und Gelernte nicht vergessen. Werde nicht vergessen, dass viele der Gründer und führenden Frauen und Männer, auch bekannte und hoch geehrte Künstlerinnen und Künstler, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jenes untergegangenen Landes DDR in der Zeit des Faschismus selbst Widerstand geleistet und in der Folge viele Jahre ihres Lebens in Zuchthäusern und Konzentrationslagern verbringen mussten oder ins Exil gezwungen worden waren.

Es ist da etwas eingepflanzt worden in mir – und, wie ich weiß, in vielen, vielen anderen auch –, das zu etwas Bleibendem geworden ist: tiefe Abscheu vor dem Faschismus und seiner besonderen deutschen Spielart Nationalsozialismus und große Hochachtung vor all jenen, die sich gegen dieses System der Unmenschlichkeit zur Wehr gesetzt haben.

Nun stehe ich heute vor Ihnen als Ministerin einer Landesregierung, in der sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands und die Partei DIE LINKE zu gemeinsamer Verantwortung für die Entwicklung des Landes Brandenburg zusammengefunden haben. Und selbstverständlich liegt dieser Regierung die Wahrung des Gedenkens an den antifaschistischen Widerstand und an die Opfer des Faschismus ganz besonders am Herzen.

Dieses Gedenken braucht Orte, und so ist es ebenso selbstverständlich, dass Sie alle uns daran messen werden, was wir tun werden, um diese Orte für künftige Generationen zu erhalten und auch so zu gestalten, dass sie für diejenigen, die heute jung sind und sich mit ihren ganz eigenen Sehgewohnheiten, Erfahrungen und Erwartungen auf Entdeckungsreise in die Vergangenheit begeben, anziehend und bildend, mahnend und aufrüttelnd sind.

Was also wird in der Gedenkstätte Ravensbrück aufbauend auf den vielen wichtigen Schritten, die in den vergangenen Jahren unternommen worden sind, in den kommenden Jahren geschehen? Das neue Besucherinformationszentrum und die neu gestaltete Umgebungsfläche des Zugangs zur Gedenkstätte künden ebenso von bereits Erreichtem wie die Sanierung der Halbinsel und des Uferbereichs.  

Nun steht seit 2008 der Umbau der Kommandantur, die die neue Dauerausstellung aufnehmen wird, auf dem Programm – mit einem Abschluss der Arbeiten rechnen wir in diesem Jahr –, und es wird der Garagentrakt saniert, damit dort die Sammlungen, einige Büros und ein multifunktionaler Versammlungsraum Platz finden können. Hier hoffen wir, den Fertigstellungstermin 2013 einhalten zu können. Beide Projekte haben einen Umfang von jeweils rund 3 Mio. Euro. In die Kosten teilen sich die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, der Bund und das Land Brandenburg. Das Land Brandenburg ist in diesem Jahr mit 2,5 Mio. Euro an den Arbeiten in Ravensbrück beteiligt.

Das sind – ich weiß es wohl – keine traumhaften Summen. Aber wir können den Landeshaushalt nicht überlisten. Umso herzlicher danke ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stiftung, den in der Sanierung und dem Umbau beschäftigten Arbeiterinnen und Arbeitern, den Architektinnen und Architekten sowie Denkmalpflegerinnen und Denkmalpflegern für ihren großen Einsatz, der ihnen allen ein Höchstmaß nicht nur an Fleiß und Engagement, sondern auch an Sensibilität und Behutsamkeit abverlangt.

Der Maßstab, der hier gilt, liegt in folgendem:

Es ist der Gewinn für die Gesellschaft, der Gewinn für ihre Menschlichkeit, der Gewinn für die Solidarität, der Gewinn für das Geschichtsbewusstsein – und der Gewinn für die Bereitschaft, sich allen Formen des Rassismus, des Antisemitismus, der Diskriminierung, der Ausländerfeindlichkeit und des Neonazitums entschieden zu widersetzen.

Ravensbrück soll und wird ein wichtiger Ort der Erinnerung und des Mahnens bleiben.Das Land Brandenburg wird seine Verantwortung für diesen Ort auch weiterhin wahrnehmen. Die Internationale Jugendbegegnungsstätte, die hier 2002 ihre Pforten geöffnet hat, ist ein besonders lebendiges Beispiel dafür, wie es gelingen kann, junge Menschen für die Geschichte und ihre Verbindung mit dem Jetzt zu interessieren.

Wer hier nach Ravensbrück kommt, erlebt beeindruckenden und vielfältigen Geschichtsunterricht: über die beispiellose Verfolgung und Vernichtung der Juden und der Sinti und Roma, über Sozialdemokraten, Kommunisten und widerständige Christen aus Deutschland und ganz Europa, über Menschen, die sich dem Terror ohne alle parteipolitische oder kirchliche Bindung widersetzten und über den Widerstand der Offiziere am 20. Juli 1944. Und er erfährt nicht zuletzt davon, wie die Firma Siemens und Halske in 20 Werkhallen direkt neben dem Lager aus der Zwangsarbeit der Häftlinge höchste Profite schlug – und wie es den faschistischen Ideologen gelungen war, die Bevölkerung im benachbarten Fürstenberg auf eine solche Weise „gleichzuschalten“, dass diese in überwiegender Mehrheit das KZ am anderen Ufer des Sees als etwas ganz Normales hinzunehmen bereit gewesen ist.

Sehr geehrte Überlebende, meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, die Toten mahnen uns. Wir gedenken ihrer und erneuern unser Versprechen, alles dafür zu tun, dass faschistischen Verbrechen für immer die Grundlage entzogen bleibt.

Vielen Dank